Elektronischer Zugang zu Unterrichtsmaterialien
Course Content (Syllabus)
»Einsprachigkeit«, schreibt Michael Holquist, »verfügt über eine fiktive Qualität; in ihrem Kern steckt eine Leidenschaft für Ganzheitlichkeit, ein Wunsch nach Einheit und Ordnung in einer Welt,in der Vielfalt und Kontingenz herrschen. Allerdings sind ihre zugrunde liegenden Konzepte eines autonomen Selbst und eines homogenen Nationalstaats theoretisch unbegründet«. Derweil hat sich die Verwendung der einen Sprache schon längst als Phantom erwiesen — insbesondere im Zeitalter des (Neo-)Kolonialismus und der transnationalen Mobilität, wo mehr denn je Zwei- oder Mehrsprachigkeit fester Bestandteil unserer eigenen »Sprachsphäre« zu sein scheint.
Anhand von Beispielen »mehrsprachigen Schreibens« will das Seminar Texte untersuchen, die einmal »manifest« sprachliche Vermischung, Verschmelzung, Hybridisierung oder »Bastardisierung« begünstigen — ein andermal »verdeckte« Formen der Polyglossie hervorbringen, wie etwa im Fall der sogenannten »latenten Mehrsprachigkeit«, wenn die Syntax oder Struktur einer Sprache im Text einer anderen Sprache erscheint (und befremdet). Gleichzeitig wird sich das Seminar mit Fragen wie diesen beschäftigen: Wie stellt Mehrsprachigkeit Kontakte zwischen verschiedenen Individuen, Kulturen oder Zeiten her? Ist das eine Praxis, die womöglich mit bestimmten literarischen Genres verbunden ist? Führt sie zu innovativen ästhetischen Ergebnissen und neuen Lesepraktiken? Kann sie als politisches Werkzeug fungieren, als eine Art künstlerische Form des Widerstands? Welche Sprach- und Literaturansätze sind geeignet (oder müssen erfunden werden), um mehrsprachige Praktiken zu beschreiben? Und nicht zuletzt und angesichts der digitalen conditio: Müssen wir neue künstliche Sprachen lernen, die die Interaktion zwischen Computer und Mensch ermöglichen?
Weitere Bibliographie
- Thomas P. Bonfiglio, Mother Tongues and Nations: The Invention of the Native Speaker. New York: De Gruyter 2010.
- Jacques Derrida: »Babylonische Türme. Wege, Umwege, Abwege«, in: Alfred Hirsch (Hg.): Übersetzung und Dekonstruktion. Frankfurt: Suhrkamp 1997, S. 119-165 [Auszüge].
- François Grosjean, “The bilingual as a competent but specific speaker-hearer”, in Madalena Cruz-Ferreira (Hg.), Multilingual Norms. Berlin, Bern, New York, Oxford, Wien: Peter Lang 2010, 19-31.
- Michael Holquist, “What is the Ontological Status of Bilingualism?” in Doris Sommer (Hg.), Bilingual Games. Some literary Investigations. New York: Palgrave MacMillan 2003, 21-34.
- Alfons K. Knauth, “Literary Multilingualism I: General Outlines and Western World”, in Mrcio Seligmann-Silva u.a. (Hg.), Comparative Literature: Sharing Knowledges for Preserving Cultural Diversity. Oxford: Eolss 2007, 1-23.
- Michaela Bürger-Koftis u.a. (Hg)., Polyphonie. Mehrsprachigkeit und literarische Kreativität. Wien: Praesens 2010.
- Brian Lennon, In Babel’s Shadow: Multilingual Literatures, Monolingual States. Minneapolis/London: University of Minnesota Press 2010.
- Wen-chin Ouyang, Creative Multilingualism, in https://www.creativeml.ox.ac.uk/blog/exploring-multilingualism/multilingualisms-world-literature-conference.
- Monika Schmitz-Emans (Hg.), Literatur und Vielsprachigkeit. Heidelberg: Synchron 2004.
- Robert Stockhammer u.a. (Hg.), Exophonie: Anderssprachigkeit (in) der Literatur. Berlin: Kadmos 2007.
- Rebecca Walkowitz, “The Location of Literature: The Transnational Book and the Migrant Writer”, in Contemporary Literature, 47,4 (2006), 527-545.
- Yasemin Yildiz, Beyond the Mother Tongue: The Postmonolingual Condition. New York: Fordham University Press 2012.